Kommentar von
finn-nino würth

HINTERGRÜNDE. Bei Benotung sind Schülerinnen und Schüler deutscher Schulen meist nur großem Leistungsdruck ausgesetzt, immer wieder müssen neue Ziele erreicht werden, damit sich das Lernen am Ende auch lohnt. Doch werden Schüler so auch optimal gefördert?
BERLIN. Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind während ihrer gesamten Schulzeit, insbesondere ab der Zeit des Besuchs der Erweiterten Realschule (Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen) oder des Gymnasiums, mit Ausnahme der Grundschulzeit im weitesten Sinne ausschließlich großem Leistungsdruck ausgesetzt. Realschüler etwa müssen ab der 7. Klasse darauf achten, in die ab diesem Zeitpunkt eingeführten Erweiterungskurse Mathematik-Französisch-Englisch zu gelangen, ab der 9. Klasse zudem in die der Fächer Deutsch, Physik und Chemie. Nur wenn ein solcher E-Kurs in allen Hauptfächern belegt wird, kann der Schüler oder die Schülerin in die 10. Klasse versetzt werden und den Mittleren Bildungsabschluss (MBA) ablegen.
Nun möchte man nach dem ersten Abschnitt meinen, zumindest durch die Kurseinteilung bedeute leistungsbezogene Differenzierung und damit die Förderung beziehungsweise Forderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Doch so ist es nicht. Während beispielsweise E-Kurs-Schüler bei einer Literarischen Textanalyse als Klassenarbeit (Großer Leistungsnachweis; GLN) drei Metaphern herausschreiben müssen, suchen etwa A-Kurs-Schüler (Abiturientenkurs) zwei bis drei Metaphern mehr aus dem Text. Auch sind die Arbeiten zumeist gleich, sowohl für Erweiterungsschüler, als auch für solche, welche sich in dem jeweiligen Schulfach auf Abiturientenniveau befinden. Ist das optimale Förderung beziehungsweise Forderung?
Doch kommen wir zurück zum Thema Noten. Denn stellen wir uns nun die Frage, ob eine plumpe Benotung zu einem besseren Verständnis und allgemeinen Lernen der Schüler führt? – Die Antwort: Nein, definitiv nicht. Etwa die Benotung einer Klassenarbeit in der 9. Klasse zeigt nur die Begriffe „sehr gut“ – „ungenügend“ und die Zahlen 00 – 15 an, allerdings keine Erläuterung. Der Schüler oder die Schülerin kann anhand der Note ablesen, ob die Leistung gut oder schlecht war – nicht jedoch, ob und wie er oder sie sich verbessern kann. Eine Note ist damit nicht objektiv.
BENOTUNG PRO & KONTRA
BENOTUNG PRO: Die Pro-Seite wird eingenommen durch den Oberstufendirektor und ehemaligen Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus.
BENOTUNG KONTRA: Die Kontra-Seite wird besetzt mit Sabine Czerny, bekannte Grundschullehrerin. Die bayerischen Schulbehörden versetzten sie, nachdem die Kinder ihrer Klasse zu viele gute Noten aufgewiesen hatte.
BENOTUNG PRO
„Noten sind wichtig in erster Linie für die Schüler als auch für die Lehrer. Sie sind eine transparente, eindeutige und zudem doch ziemlich objektive Rückmeldung.“
— Josef Kraus, Oberstufendirektor

BENOTUNG KONTRA
„Wenn Kinder laufen lernen – im Allgemeinen zwischen dem neunten und 18. Lebensmonat –, käme niemand auf die Idee, einem Kind, das gerade zwölf Monate alt geworden ist, eine Gehschwäche zu attestieren.“
— Sabine Czerny, Grundschullehrerin

PSYCHISCHER LEISTUNGSDRUCK
Schülerinnen und Schüler sind bei angewandter Benotung oftmals auch psychischem Leistungsdruck ausgesetzt, etwa bei Gymnasiasten stellt sich das gesamte Leben um – die Schüler müssen sich vollumfänglich auf die Schule konzentrieren, auch an den Wochenenden. Freunde, Feiern, Freizeit – all das steht nicht mehr an erster Stelle. Und auch die Familie steht wahrscheinlich nicht mehr so stark im Fokus wie noch zuvor. Das Leben für solche Schülerinnen und Schüler ändert sich, und mit dem Leben der Schüler auch diese selbst und deren Psyche.
Resultate jahrelangem Leistungsdruck sind häufig Prüfungsangst, Zitterattacken vor Prüfungen oder Klassenarbeiten sowie Übelkeit und persönliche Veränderungen. Ist das der Sinn von Schule? Sollte Schule fordern oder überfordern? Sollten weiter Noten vergeben werden?

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